Sogar im Tatort tauchen sie schon auf: Eine Mülltaucherin diente den ARD-Kommissaren in der Folge "Kassensturz" als Zeugin in einem Mordfall. Die sich an weggeworfenen, aber noch genießbaren Nahrungsmitteln kostenlos bedienenden Mülltaucher - anderswo heißen sie Freegans, was als Wortspiel auf die Vegans zu verstehen ist - sind ein Symptom für das Phänomen, das Jahr für Jahr mehr Nahrungsmittel im Müll landen. Vom Butterberg in den Laden, vom Geschäft zurück auf einen anderen Butterberg - derartiger Müll wird aus verschiedenen Gründen zunehmend zum Problem.
Daran ändert auch die Biotonne nicht viel: Menschliche Nahrung (und zwar tierische Erzeugnisse noch in weit höherem Maße als pflanzliche) wird in der Regel mit hohem Aufwand an Energie und Rohstoffen produziert. Es geht also hier nicht um Omas Argument, dass man keine Lebensmittel wegwerfen sollte, während weltweit Menschen hungern. Schließlich ergibt es wenig Sinn (und ist für die lokale Landwirtschaft eher schädlich), nicht benötigte Nahrung in die Dritte Welt zu verschiffen. Weit wichtiger wäre es, die von der Nahrungsmittelproduktion hervorgerufene Klimabelastung zu reduzieren - und dabei hilft auch das Kompostieren oder Verfüttern an Haustiere nicht, wenn beides auch dem Verrotten im Restmüll vorzuziehen ist (wo dann Methan entsteht, das etwa 25 Mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid).
In Deutschland, wo es keine allzu aktuellen und genauen Zahlen gibt, schätzt man, dass jedes Jahr Nahrungsmittel im Wert eines zweistelligen Millionenbetrags im Abfall landen - pro Haushalt über 300 Euro. Die Hälfte des Mülls kommt dabei aus Privathaushalten. Zehn Prozent aller Lebensmittel landen sogar völlig ungeöffnet in den runden oder eckigen Tonnen.
In Großbritannien sind es jährlich 8,3 Millionen Tonnen Nahrung, die in nun ungenießbarer Form auf dem Müll landen. Jede Familie, haben Marktforscher berechnet, verschwendet auf diese Weise 600 Pfund im Jahr, insgesamt 10,2 Milliarden Pfund, jährlich. Diese Müllmenge ist verantwortlich für etwa fünf Prozent der Emissionen klimaschädlicher Gase auf den britischen Inseln. Insgesamt genügend Argumente, so dass die Regierung schon mit einer Kampagne darauf reagiert: "Love Food - Hate Waste" gibt auf der zugehörigen Website Tipps, was man mit übrig gebliebener Nahrung so anstellen kann (http://www.lovefoodhatewaste.com/recipes). Bis 2011 will man so erreichen, den Lebensmittel-Müllberg um 250.000 Tonnen pro Jahr zu verkleinern.
In
PLoS One veröffentlichten US-Autoren nun eine groß angelegte Studie, in der sie das Nahrungsmüll-Aufkommen für die USA untersuchten. Dabei fanden sie heraus, dass die Verschwendung von Nahrung seit 1974 um die Hälfte gestiegen ist. Offenbar sorgt das Überangebot nicht nur für wachsende Bäuche, sondern auch für überfüllte Mülltonnen. Auf jeden Amerikaner kamen demnach im vergangenen Jahr etwa 1400 verschwendete Kalorien pro Tag - das ist der mittlere empfohlene Energieverbrauch für ein Kindergartenkind. Dieser Abfallmenge lässt sich etwa ein Viertel des Süßwasserverbrauchs der USA zuordnen und ein Ölverbrauch von 300 Millionen Barrel - etwa vier Prozent des gesamten US-Öl-Verbrauchs.
Original Artikel von Telepolis (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31756/1.html)
