Auswege aus der Agrarindustrie - unsere politische Motivationen

Die konventionnelle Landwirtschaft hat keine Zukunft

In den letzten Jahren mehren sich die Stimmen von Wissenschaftlern, Organisationen und Institutionen, die zur Schlussfolgerung kommen, dass die konventionelle und industrielle Landwirtschaft keine Zukunft hat und dass das globale Ernährungssystem auf einen entscheidenden Wendepunkt zusteuert.

So wird beispielsweise im letzten Weltagrarbericht, der von 400 Wissenschaftlern aus mehreren Ländern verfasst und von 60 Staaten unterzeichnet wurde, ein totaler Kurswechsel der globalen Landwirtschaft gefordert.

Das aktuelle industrialisierte Agrarsystem ist anfällig für sich verändernde Bedingungen. Ein Zusammenkommen mehrerer Faktoren machen eine Umkehr dringend notwendig und unvermeidbar: der Klimawandel, das absehbare Ende der fossilen Brennstoffe (Peak oil), die Degradierung vieler Ökosysteme, die wachsende Weltbevölkerung und die Kontrolle der Lebensmittelindustrie über Saatgut, Handel, Land und zunehmend auch über Wasserressourcen.

Diese Texte sind noch in Arbeit und reflektieren den Stand unserer Diskussionen. Letzte Aktualisierung 8. Dezember 2009.


Landwirtschaft zwischen Peak Oil und Klimawandel

Die globalisierte industrielle Nahrungsproduktion ist von fossilen Brennstoffen abhängig, deren Verfügbarkeit rapid schwindet und zu Spannungen in der Welt führt. Um 1 Kalorie Essen auf den Teller zu bringen, werden dafür durchschnittlich 10 Kalorien an fossilen Brennstoffen entlang der Produktionskette verwendet. Diese setzen bei ihrer Verbrennung große Mengen an Treibhausgasen frei.

 

Die industrielle Landwirtschaft ist heute für bis zu 32% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (Methan, Stickoxide, CO2). Diese stammen hauptsächlich aus der Viehzucht, aus der synthetischen Düngung und aus der massiven Zerstörung von Land und Wäldern, um sie in Ackerfläche zu verwandeln.

 

Die Erderwärmung und die Klimaveränderung sind eine Realität, die die Menschheit einem großen Risiko aussetzt. Wir haben nur wenige Jahrzehnte Zeit, um Lösungen zu finden und Systeme zu entwickeln, welche uns helfen den Klimawandel zu überstehen.

 

Die Klimaveränderungen haben jetzt bereits zunehmend Konsequenzen für die Landwirtschaft: beispielsweise Dürren und Überschwemmungen, die zu Ernteausfällen führen. Das Saatgut für den kommerziellen industriellen Anbau hat die einstige Pflanzenvielfalt verdrängt und ist oft nicht an den Standort angepasst. Die Antwort der Agrarindustrie auf ein sich änderndes Klima und ausgelaugte Böden ist der Einsatz von immer größeren Mengen an synthetischen Düngemitteln und Pestiziden.

 

  • Verlust an Vielfat ist ein Verlust an Resilienz

Der Anbau von wenigen Sorten von Nutzpflanzen in riesigen Monokulturen haben diese anfällig für Krankheiten und Schädlinge gemacht, die mittlerweile ganze Landstriche befallen. Ökosysteme sind dann widerstandsfähig wenn sie vielfältig sind. Gibt es unter einer Vielfalt von Pflanzen plötzliche Veränderungen, stellt die Pflanzenvielfalt das Gleichgewicht wieder her. Aktuell löschen wir jedoch diese Vielfalt der Kulturpflanzen rapide aus. Wir reduzieren beständig die Anzahl und Sorten, auf denen unsere Nahrung basiert. Auch angesichts der schnellsten und dramatischsten Veränderung unseres Klimas in der Geschichte der Menschheit, führen eine verringerte Biodiversität, Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit (Resilienz) unseres Nahrungssystems in eine Sackgasse.

 

Eine Entkopplung der Landwirtschaft von fossilen Brennstoffen ist unvermeidbar


Die enge Kopplung der Lebensmittelproduktion und -verteilung an die fossilen Brennstoffe hat zunehmend Konsequenzen auf die Nahrungsmittelpreise: Steigen die Erdölpreise, steigen die Preise der Nahrungsmittel um ein Vielfaches. Diese Situation wurde in den letzten Jahren durch den massiven Anbau von Agrartreibstoffen weltweit verschärft.

Angesichts rapide schwindender Erdöl- und Erdgasressourcen sowie des Klimawandels, ist die Entkopplung der Landwirtschaft und der Lebensmittelversorgung von den fossilen Brennstoffen dringend notwendig und langfristig unvermeidbar.

 

Abhängigkeiten in der Landwirtschaft

Die letzten Jahrzehnte haben im Ernährungssektor eine Architektur der Kontrolle hinterlassen: Ein Zusammenspiel von Subventionssystemen, Patenten auf Saatgut und Freihandelsabkommen haben BäuerInnen und KonsumentInnen in die Abhängigkeit der Agrar- und Lebensmittelindustrie getrieben, die sich auf immer weniger multinationale Konzernen konzentriert. Dieses System wird immer mehr auf die Maximierung der Produktion und des Gewinns ausgerichtet.

 

Info: Strukturelle Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen


Mit der Industrialisierung und dem Einsatz von fossilen Brennstoffen im 19. und 20. Jahrhundert kam eine revolutionäre Wende in der Essensversorgung. 1909 wurde das sogenannte Haber-Bosch Verfahren erfunden, das eine synthetische Herstellung von Düngemittel unter Einsatz von fossilen Brennstoffen (Methan) ermöglichte. Mit diesem Verfahren haben die Menschen den Stickstoffgehalt der Biosphäre bis heute etwa verdoppelt.

 

Die Herstellung synthetischer Düngemittel stellen 30% des Energieverbrauchs in der Landwirtschaft dar. Hinzu kommen jedoch Traktoren, Bewässerung, mechanisierte Verarbeitung, Verpackung, Lagerung, Kühlung und Transport. Ein Europäer benötigt ca. 4 Barrel Erdöl pro Jahr um sich zu ernähren, in den USA sind es sogar 8 Barrel pro Person.

 

Prof. Klaus Töpfer, ehemaliger Chef des UNO-Umweltprogramms, brachte den Zustand der globalen Landwirtschaft auf den Punkt : „Wir essen Erdöl“.

 

Im Zeitraum 1945-1994 vervierfachte sich der Einsatz von fossilen Brennstoffen und der Ertrag verdreifachte sich. Seitdem wurde jedoch ein Grenzwert erreicht. Ausgelaugte Böden, Schädlingsbekämpfung und schwindende Wasserressourcen erfordern den Einsatz von immer größeren Mengen an fossilen Brennstoffen, ohne jedoch die Erträge zu steigern.

 

Um den täglichen Nahrungsbedarf eines durchschnittlichen Europäer ohne fossile Brennstoffe zu erzeugen, würden umgerechnet zwischen 2 bis 3 Wochen menschliche Arbeit gebraucht werden.[4]

 

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Wege aus der Krise

 

In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden an mehreren Ecken der Welt wertvolle Erfahrungen gemacht, die vielfältige Wege aus der Krise aufzeigen, hin zu einer ökologischen, kleinbäuerlichen oder gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft.

 

Hier nur einige Beispiele, die wir erwähnen möchten:

 

  • Kuba Anfang der 90er

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach der Wende, erlebte Kuba einen Kollaps seiner Wirtschaft. Über die Hälfte der Erdölimporte blieben aus, sowie 80% der Nahrungsmittelimporte. Es kamen harte Zeiten für die 11 Millionen InselbewohnerInnen. Zwischen 1993 und 1994 verlor der/die durchschnittliche KubanerIn 10 kg Körpergewicht. Die mechanisierte und industrielle Landwirtschaft war lahm gelegt und wurde umstrukturiert.

 

Aus großen Monokulturen entstanden eine Vielzahl an kleinen Gärten; auch in den Städten wurden urbane Gärten angelegt. Auf ausgelaugten Böden musste wieder Humus regeneriert werden. Ökologische Anbaumethoden ohne synthetische Düngemittel und ohne Pestizide wurden im großen Stil umgesetzt. Von der Ärztin bis zum Schreiner waren ca. 20-25% der Bevölkerung an landwirtschaftlichen Aktivitäten beteiligt. Die Erfahrung gilt als einzigartig und wegweisend für die Post-Erdöl- Gesellschaft. [3]

 

  • Transition Town Bewegung [4]

 

Unter dem Banner des „Transition Town Movement“ sind in England in den letzten drei Jahren in mittlerweile 30 Kommunen und Regionen lokale Graswurzel-Initiativen entstanden, die nicht mehr länger auf Politik und Verwaltung warten wollen, um die Autonomie und Widerstandsfäigkeit ihres Wohnorts im Hinblick auf die Folgen des Ölfördermaximums zu stärken und den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Sie planen einen Übergang in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft. Grundlage der Idee ist eine Übertragung der Permakultur-Gestaltungspinzipien auf die Stadtplanung: Wie kann man eine Kommune so organisieren, dass sie so effizient, energiesparend und ausfallsicher funktioniert wie ein natürliches Ökosystem und ihre Bewohner trotzdem ein zufriedenes Leben führen können, ohne Mangel zu leiden? Zu den im „Transition Town Movement“ entwickelten Antworten gehören viele Vorstellungen, die einem bekannt vorkommen: lokales Wirtschaften, lokale Ernährung, lokale Energieversorgung, nachhaltige Bildung und alternative Gesundheitsvorsorge oder die Förderung der Selbstversorgung.

 

  • Community Suported Agriculture CSA (USA, Schweiz, Deutschland, Frankreich, Japan)

 

Das Prinzip der CSA ist ein Zusammenschluss einer Gruppe von VerbraucherInnen und einesR Partner-LandwirtesIn. Die VerbraucherInnen geben eine Abnahmegarantie für die Produktion desR LandwirtesIn und erhalten im Gegenzug Einblick und Einfluss auf die Produktion. Diese Partnerschaft unterstützt eine lokale Produktion und einen lokalen Verkauf. CSA Modelle werden seit mehreren Jahren in den USA, der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich und Japan erfolgreich umgesetzt.

 

  • Jardins de Cocagne. Wie funktionniert das?

 

Die Jardins de Cocagne sind eine Genossenschaft bei Genf mit etwa 800-1000 Mitgliedern (420 Haushalte), die auf fast 5 ha Land Gemüse produzieren und dieses wöchentlich ausgeliefert bekommen.

Die Mitglieder zahlen einen Beitrag ein, der nach Einkommen gestaffelt ist, und verpflichten sich 4 halbe Tage im Jahr in der Gärtnerei mitzuarbeiten.

Die Einnahmen finanzieren die laufenden Kosten und hauptsächlich die Arbeit von 10 GärtnerInnen, die sich 5 volle Stellen teilen, den Gartenanbau und die Logistik koordinieren, sowie für Kontinuität sorgen.

Das Gemüse wird frisch und saisonal wöchentlich über 40 Verteilungsstellen von den GenossInnen ausgeliefert.

Alle Entscheidungen werden in Vollversammlungen und einem Koordinationskreis von 20 GärtnerInnen und GenossInnen getroffen.

Zusätzlich gibt es auch einen Marktstand, der dreimal in der Woche in Genf Gemüse verkauft und Öffentlichkeitsarbeit leistet.

Die Genossenschaft existiert seit über 30 Jahren. Rund um sie haben sich weitere Projekte gegründet, die oft ergänzende Rollen übernommen haben. Ähnliche Modelle sind an mehreren Orten in der Schweiz und Frankreich erfolgreich reproduziert worden.

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Quellen und Links:

[1] David Pimentel, "Constraints on the Expansion of Global Food Supply," Kindell, Henry H. and Pimentel, David. Ambio Vol. 23 No. 3, May 1994. The Royal Swedish Academy of Sciences. http://www.dieoff.com/page36htm

[2] Greepeace Report „Cool Farming: climate impacts of agriculture and mitigation potential“. Erstellt unter der Regie von Pete Smith, federführender Wissenschaftler für den 3. IPCC-Report.

[3] The Power of Community – How Cuba survived Peak Oil http://www.powerofcommunity.org/

[4] http://transitionculture.org/ - Initiativen entstehen auch in Deutschland: http://transitiontowns.org/Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg/Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg