Klimagerechtigkeit und Viehhaltung in der Gartencoop

Grafik Vieh

Die Tierhaltung produziert heute eine riesige Menge Treibhausgase [1]. Mit 18% der Gesamttreibhausgasemissionen übertrifft die Tierhaltung den Transportsektor (14%). Rechnet man die ganzen Emissionen der sogenannten Landnutzungsänderung (z.B. Regenwaldzerstörung) hinzu, dann liegt der Beitrag zum Klimawandel noch viel höher.

 

Kein Wunder also, dass viele auf den ersten Blick irritiert sind und einen Widerspruch mit den Klimaverträglichkeitansprüchen der Gartencoop in Bezug auf Viehhaltung sehen. „Viehhaltung im Rahmen der Gartencoop? Das geht nicht! Kühe sind doch Klimakiller Nr 1!“

 

Die Kritik und die Zweifel sind nachvollziehbar, doch die Situation ist wie so oft etwas komplexer, als man sie sich in der Klimabewegung ausmalt.

 

Ackerbau und Gemüseproduktion brauchen auch im ökologischen Landbau ein nachhaltiges Düngungskonzept. Um die Bodenfruchtbarkeit dauerhaft aufrecht zu erhalten, gehen viele Praktiker davon aus, dass eine Haltung von Tieren, die Gründüngung (leguminosenreiches Grobfutter) verwerten und hochwertigen Dünger liefern unverzichtbar ist.[2]

 

Was für den Ökolandwirt selbstverständlich ist, mag für machen Klimaaktivist aus der Stadt überraschend klingen: Tierhaltung im Ökolandbau kann sich sogar positiv auf das Klima auswirken. Eine sinnvolle Tierhaltung ermöglicht eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Im Gegenzug muss sich eine tierlose Landwirtschaft die Frage nach der Herkunft ihrer Düngung stellen.

 

 

Falsche Lösungen

 

Die Klimaschädlichkeit der industriellen Viehhaltung ist mittlerweile allgemein bekannt. In Zeiten von grünem Kapitalismus und Emissionshandel investiert die Industrie eine Menge Geld in angeblichen „Lösungen“, um den Methan rülpsenden Wiederkäuern einen grünen Anstrich zu verpassen.

 

Die Strategien reichen von der modernen Biogasanlage, bis hin zur Verbesserung des Umwandlungsverhältnis, d.h. schneller wachsende Rinder mit mehr Milch- und Fleischleistung pro zugeführtes Futter. Während man in Japan durch die Fütterung der Rinder mit schwefelhaltigen Aminosäuren den Ausstoß von Methan drastisch zu reduzieren versucht, wird in Australien und Neuseeland vor allem die genetische Veränderung der Bakterie vorangetrieben, die im Pansen der Rinder für die Methanproduktion verantwortlich ist, damit diese ihre 80 Millionen Jahre alte Gewohnheit ändert.[3]

 

Diese technischen Ansätze sind eindeutig falsche Lösungen innerhalb eines falschen Systems. Die grüne Intensivierung der industriellen Viehhaltung wird das Problem höchstwahrscheinlich bloß verschärfen.

 

Der Einsatz von Biogasanlagen wird in den letzten Jahren stark vorangetrieben und ersetzt Teilfunktionen der Tierhaltung im innerbetrieblichen Stoffkreislauf. Das hat Kritik und kontroverse Diskussionen ausgelöst, sowie die Frage aufgeworfen, ob Biogas zum ökologischen Ökolandbau überhaupt passt. Der sinnvollen Produktion von Wärme und Strom mit Biogas, stehen Energiepflanzen-Monokulturen, Intensivierung der Stoffkreisläufe, Probleme mit Gärresten und fragliche Klimabilanzen bei undichten Anlagen gegenüber. Weitergehende Untersuchungen in den kommenden Jahren sind hier noch erforderlich, um klare Auswertungen zu machen.

 

Diese Ansätze spiegeln eine falsche Sichtweise auf das Problem, die auch in der Klimabewegung noch zu oft vorkommt: das starke Fokussieren auf die Methan- und Lachgas-Emissionen statt auf das landwirtschaftliche System, in denen die Tiere eingebettet sind. Die Kuh wird plötzlich zum Übeltäter stilisiert und nicht etwa der industrielle Rahmen, in dem sie heute aufwächst.

 

Das führt dazu, dass Lösungsansätze das aktuelle System nicht grundsätzlich in Frage stellen, sondern oft auf technische Anpassungen setzen, um dessen Fortbestehen in Zeiten von Klimawandel zu sichern.

 

 

Das System! Nicht die Kuh!

 

Die Kuh scheidet schon seit je ununterbrochen das Treibhausgas Methan aus, das in seiner Wirkung 23 Mal stärker ist als Kohlendioxid. Entscheidend ist aber, dass die industrielle Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten größtenteils Probleme geschaffen hat, die vorher nicht da waren.

 

Traditionelle Systeme der Tierhaltung helfen Ökosysteme zu schützen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Das Wurzelwerk der Pflanzen auf Weiden, Pampas, Savannen, Prärien oder Tundra bilden wichtige Kohlenstoffsenken. Diese Graslandschaften absorbieren 34% des Kohlenstoffs in den Kohlenstoffsenken [5]. Tiere und Ökologie arbeiten harmonisch in einem System, welches sie beide mit erschaffen haben und ihnen wiederum zu Gute kommt. Biodiversität und eine wichtige Kohlenstoffsenke werden erhalten, gleichzeitig entstehen wertvolle Lebensmittel.

 

Doch genau dieser Stick- und Kohlenstoffkreislauf ist mit der Intensivtierhaltung stark durcheinander gekommen. In der industriellen Tierhaltung bekommen die Tiere ihr ganzes Leben lang keine Weide zu sehen und werden mit Kraftfutter (z.B. Soja) gefüttert. Dieses Soja wird in der Regel konventionell angebaut auf Flächen, auf denen vorher wichtige Ökosysteme wie Regenwald oder Savannen standen. Diese Monokulturen benötigen eine hohe Energiezufuhr in Form von synthetischen Düngemitteln und auch Pestiziden. Die Tierfabriken produzieren große Mengen Lachgas und Methan, die bei Anwendung, Lagerung und betrieblichem Management von organischem Dung in Form von Stallmist, Gülle und Jauche entstehen. Diese stellen ein ernstes Problem für Umwelt und Klima dar. Ganz zu schweigen von den unvertretbaren Lebensbedingungen der Tiere.

 

Die Industrie selbst verteidigt ihre Intensivierung als klimafreundlich und verweist auf die Ineffizienz der ökologischen Viehhaltung:Weil bei Biobauern die Tiere weniger intensiv gefüttert würden, entstünden pro Kilogramm Öko-Fleisch und pro Liter Bio-Milch mehr Klimaschäden, so der Vorwurf.

 

Wie viele Treibhausgase die ökologische Tierhaltung im Vergleich zur konventionellen produziert, lässt sich nicht pauschal beantworten. Der Energieeinsatz ist bei ökologischer Tierhaltung geringer, da sie deutlich weniger energieaufwändige Kraftfuttermittel verwendet. Insgesamt hängt das Treibhauspotenzial jedoch von vielen Faktoren ab, besonders von Futterqualität, Nutzungsdauer bzw. Lebensleistung der Milchkühe und Düngermanagement. Diese Faktoren können sich je nach konkreter Betriebssituation verstärken – oder auch aufheben.Wenn die ökologische Tierhaltung alle Optimierungspotenziale nutzt, kann sie klimaschonender sein als die konventionelle Tierhaltung.[4]

 

Ziel für die Gartencoop: Der geschlossene Hofkreislauf

 

Im geschlossenen Hofkreislauf fressen Rinder ausschließlich Gras und Heu von den eigenen Hofweiden, Wiesen und Gründüngung mit Kleegrasmischungen [6]. Diese wertvollen Ökosysteme binden beim Wachsen Co2 und Stickstoff aus der Atmosphäre, der teilweise im Boden gespeichert wird und hier bereits beim Humusaufbau hilft.

 

Der Aufwuchs des Kleegrases muss - um Unkraut zu unterdrücken - mehrmals im Jahr zurück geschnitten werden. Lässt man den Schnitt als Mulch liegen, kommt er nicht einem Bodenaufbau zugute, sondern scheidet bei der Verrottung ebenfalls Treibhausgase aus. Eine Verwertung über den Magen der Kuh erscheint daher sinnvoll, weil der Aufwuchs als Mist konserviert wird und somit dem Boden wieder zugute kommt. Wenn der Bestand direkt abgefressen wird, kann dadurch Maschineneinsatz und Energie eingespart werden kann.

 

Die Anzahl der Nutztiere auf dem Hof hängt eng mit der zur Verfügung stehenden Flächen zusammen. Als Richtwert kann mit 1 Hektar pro Kuh inklusive Nachzucht gerechnet werden. Durch die Flächenbindung entsteht eine enge Begrenzung der Anzahl der Tiere. Würde man das auf den Planeten übertragen, würde sich die Anzahl der Rinder von heute 1,5 Milliarden um einen zweistelligen Faktor reduzieren.

 

Der Dung der Kuh kommt wieder zurück auf das Feld. Dort wird der Mist vom Bodenleben wieder abgebaut, produziert kaum Treibhausgase (Lachgas, Methan) und hat keinen bedeutenden negativen Einfluss auf die Umwelt. Ganz im Gegenteil, der hochwertige Dünger trägt dazu bei die Bodenfruchtbarkeit zu steigern und Treibhausgase in den Boden zu senken. In einer Studie errechnet die Soil Association aus England eine leicht positive Klimabilanz zwischen produzierten und gesenkten Treibhausgasen [7]. Auf diesem nun fruchtbaren Boden kann in einem mehrjährigen Rotationssystem Gemüseanbau oder Ackerbau stattfinden.

 

Wenn die Kühe im Stall stehen und der Dung nicht auf natürliche Weise auf die Äcker kommt, muss der Mist ausgebracht werden. Hier muss man darauf achten, dass der Dung trocken und richtig dosiert ist. Der energetische Aufwand muss zur Klimabilanz hinzugerechnet werden.

 

Dieses vielfältige Betriebssystem mit der Integration von Tieren ermöglicht den Verzicht auf den Zukauf von externem Dünger. Die ökologische Kontrolle über die eigene Düngung und die Bodenfruchtbarkeit ist für die Gartencoop ein wesentliches Merkmal von Energie- und Ernährungsautonomie.

 

 

Veredlung und Rolle des Konsums

 

Der entscheidende Punkt bei den tierischen Lebensmitteln sind die sogenannten Veredlungsverluste. Das Futter, was die Tiere fressen, wird wenig effektiv in tierische Lebensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier umgewandelt. Nur ein geringer Anteil der Kalorien des Futtermittels sind am Ende im tierischen Erzeugnis wieder zu finden. Die tierischen Lebensmittel haben immer einen deutlich (bis um ein Zehnfaches) höheren Treibhausgasausstoß als pflanzliche Lebensmittel.

 

Im Falle der Gartencoop dient die Gründüngung (Kleegrasmischung) auch als Futtermittel. Somit kommt es zu einer mehrfachen Verwertung, deren Ergebnis u.a. ein Zugewinn tierischer Produkte ist.

 

Der Verbrauch tierischer Produkte ist ohne Zweifel viel zu hoch. Bei 1,5 Milliarden Rinder zur Fleischproduktion, kommt rund 1 Rind auf 4 Erdbewohner_innen. Wenn wir dem Klimawandel ernsthaft entgegenwirken wollen, führt kein Weg daran vorbei den Konsum von Milch und Fleisch drastisch zu reduzieren. Für viele Expert_innen ist 50-75% weniger tierische Produkte auf dem Speiseplan keine Option mehr, sondern schlicht eine Notwendigkeit.

 

Die Gartencoop wird auf das Flächenverhältnis zwischen Gemüsebau, Ackerbau und Tierhaltung genau achten. Die begrenzte Anzahl der Tiere wird voraussichtlich auch nur eine begrenzte Menge an tierischen Produkte liefern, mit denen die Mitglieder der Gartencoop auskommen lernen sollten.

 

Beispiel: Der Hof in Seefelden (23 km von Freiburg ) der in Aussicht stand, hatte 12 Kühe auf 32 ha. Verteilte man den durchschnittlichen Milchertrag auf 800 Mitglieder, ergab das rund 1 Liter Milch pro Person pro Woche (oder 100 g Käse oder 50g Butter).

 

Eine Priorität der Gartencoop bleibt die Förderung einer Ernährung mit vorwiegend pflanzlichen, saisonalen und wenig verarbeiteten Lebensmitteln.

 

Die Landwirtschaft mit Tierhaltung muss in der Praxis sicherlich weiterhin hinterfragt werden, und ständig optimiert werden.

 

 

Quellen

 

[1] 9% des Co2, 65% des Lachgas (hauptsächlich durch den Mist), 37% des Methan und 64% des Ammoniak Gas. Fast 80% der Emissionen aus der Landwirtschaft sind auf die Tierhaltung zurückzuführen. Siehe: Livestock's long shadow: Environmental issues and options, Rome, FAO, http://tinyurl.com/7yzdoy

 

[2] Stoffkreisläufe: nachhaltige Modelle für die Zukunft finden, Kurt-Jürgen Hülsbergen, Ökologie & Landbau 155 3/2010

 

[3] The international food system and the climate crisis, GRAIN, climate crisis special issue, October 2009, real problems, false solutions, http://www.grain.org/seedling/?id=657

 

[4] von Koerber & Kretschmer, Ernährung und Klima, der kritische Agrarbericht 2009, http://www.bfeoe.de/publikationen/vonKoerber_Kretschmer.pdf

 

[5] T.Tennigkeit and A. Wilkes, An assesment of the Potential for Carbon Finance in Rangelands, ICRAF, Working paper No 68, 2008 – http://tinyurl.com/oxtwga

 

[6] Gründüngung darunter versteht man den Anbau von Leguminosenmischungen (z.B.: für mindestens 1 Jahr Klee-Gras Mischung, Luzerne-Gras Mischung oder halbjährlich Ackerbohne, Wicke-Roggen, Erbse) im Rahmen einer Fruchtfolge (z.B.: Gründungung, dann jeweils ein Jahr stark-, mittel-, und dann schwachzehrende Kulturen). Die Gründüngung vereint mehrere wichtige Funktionen, darunter: Schutz vor Erosion und Witterungseinfüssen, Schutz vor Auswaschung von Nährstoffen, Förderung des Bodenlebens, Nährstoffanreicherung durch Bindung von Luftstickstoff mit Knöllchenbakterien an den Wurzeln, Humusaufbau durch einarbeiten von Pflanzenmasse,

Unterdrückung von Unkraut. Durch die Gründüngung wird der nachhaltige, ökologische Anbau von Gemüse und Feldfrüchten ermöglicht.

 

[7] The role of livestock in sustainable food systems, Soil Association

http://www.soilassociation.org.uk/LinkClick.aspx?fileticket=qm0ueyxHQjI%3D&tabid=313