In guten wie in schlechten Zeiten

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Ernte, was du säst: Die Mitglieder der GartenCoop Freiburg bauen gemeinsam Tomaten, Petersilie oder Rosenkohl an

200 Freiburger haben sich in einer landwirtschaftlichen Kooperative zusammengeschlossen. Sie setzen auf konsequent regionale, saisonale und ökologische Erzeugung, arbeiten gemeinsam auf dem Feld und teilen sich die Ernte.

Die Tomatensorte heißt Berner Rose. Luciano dreht sie zwischen den Fingern, als wolle er sich selbst von ihren besonderen Eigenschaften überzeugen: von ihrer Größe, ihrer rosa Farbe, ihrer würfelähnlichen Form. Auch von der einen dunkleren Stelle auf ihrer dünnen Schale. »Sie ist sehr empfindlich und schwer zu transportieren«, erklärt Luciano. »So was findest du selbst bei Alnatura kaum mehr.« Er hingegen ist sicher, dass die Berner Rose noch heute kiloweise ihre Abnehmer findet.

Er steht inmitten von Kisten voller Gemüse auf einem Hof im Bad Krozinger Ortsteil Tunsel und hat eigentlich keine Zeit für lange Erklärungen. Es ist Donnerstag, Verteiltag. Acht Helfer werkeln hier gerade auf den Feldern und im Hof. Und Luciano muss ihnen erklären, wie man den Hubwagen bedient, die Waage tariert und – vor allem – wie man die Ernte der vergangenen Tage sinnvoll verteilt. Am Nachmittag wird der mit frischem Gemüse beladene Lieferwagen einen zentralen Verteilpunkt im 18 Kilometer entfernten Freiburg ansteuern. Von dort aus bringen Helfer das Gemüse per Fahrradanhänger in die einzelnen Stadtteile.

Luciano Ibarra ist einer der Initiatoren des Freiburger Projektes »GartenCoop«, in dem sich 200 Personen zusammengeschlossen haben. Die meisten von ihnen wohnen in Freiburg. Es sind Leute, die sich duzen und sich Gedanken über die heutige Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln machen. Leute, deren ernährungspolitisches Gewissen sich nicht mehr mit einem Griff ins Bioregal beruhigen lässt. »Das Bio-Siegel sagt im Grunde nichts darüber aus, wie energieintensiv, in welcher Saison und unter welchen Arbeitsbedingungen etwas produziert wurde«, kritisiert Luciano, »auch wird nicht bewertet, welchen Weg die Ware bisher zurückgelegt hat.«

Planungssicherheit

Die ökologischen Ziele der Gartenkooperation gehen weiter: Strikte Regionalität und Saisonalität ist die Devise, aber auch gemeinschaftliches Wirtschaften. Der Begriff »Planwirtschaft von unten« kommt der Sache am nächsten, findet Luciano: Die Mitglieder erwerben einen festen Anteil, von dem die Kooperative Inventar, Maschinen und Werkzeuge kaufen kann. Dann dürfen sie entscheiden, was und wie produziert wird, teilen sich die laufenden Kosten der Landwirtschaft – ebenso wie die gesamte Ernte, egal, wie gut oder wie schlecht sie ausfallen mag. Anders als herkömmliche landwirtschaftliche Betriebe verfügt die Kooperative deshalb über weitgehende Planungssicherheit. »Von der EHEC-Krise haben wir zum Beispiel gar nichts gespürt,« bemerkt Luciano.

Die Mitglieder der GartenCoop haben sich verpflichtet, auch die praktische Arbeit in der Landwirtschaft und auf den Feldern ihren Möglichkeiten entsprechend zu unterstützen. So wie der Physiker Andi und der Netzwerktechniker Wendelin, die sich erst vor ein paar Stunden kennengelernt haben und sich schon prächtig verstehen. Hier draußen auf dem Feld schneiden sie Petersilie und binden sie mit einem Gummi zusammen. Beim Klönen füllen sich die Kisten mit den Petersilienbüscheln im Nu. »Es ist faszinierend zu sehen, wie die Pflanzen hier wachsen«, sagt Andi. Früher stand er oft vor dem Gemüseregal im Supermarkt und war sich unsicher, welches Gemüse hierzulande überhaupt zu welcher Jahreszeit wächst. Heute hantiert er in seiner Küche mit Zuckerhut und Radiccio und setzt sich mit der Zubereitung von Kohl auseinander. »Ich kann mich mit Kartoffeln und Gemüse praktisch selbst versorgen«, freut er sich.

Einige Entscheidungen

Trotz der Begeisterung der Mitglieder von dem Projekt treten naturgemäß unterschiedliche Meinungen und Schwierigkeiten auf. So wie auf einer der ersten Mitgliederversammlungen Anfang des Jahres, als es darum ging, wie viel jeder pro Jahr für die landwirtschaftliche Produktion bezahlt. Als Richtwert zum Bestreiten der laufenden Kosten sind 600 Euro pro Person errechnet worden – im Schnitt zahlen die Mitglieder also 11,50 Euro pro Woche für ihr Gemüse. Einige können oder wollen so viel aber nicht aufbringen. »Als wir bei der zweiten Runde das Gesamtbudget noch nicht zusammenhatten, obwohl viele Leute sich bereit erklärt hatten, noch mal mehr zu geben, war ich schon ein wenig enttäuscht«, sagt Andi. Auch der Aufbau der Infrastruktur im Frühjahr habe ganz schön an den Kräften gezehrt. »Wenn ich weiter so viel hier draußen arbeite, will ich im nächsten Jahr eventuell weniger einzahlen«, überlegt der Physiker, der auch bei Greenpeace aktiv ist.

Überhaupt stehen nach dem ersten erfolgreichen Jahr einige Entscheidungen an. Soll die Kooperative mehr Gemüse anbauen und ihren Mitgliederkreis erweitern? Oder soll bei gleichbleibender Mitgliederzahl zusätzlich auch Getreide produziert werden? Im kommenden Winter werden die Mitglieder der GartenCoop noch genug Zeit haben, darüber nachzudenken – bei Feldsalat, Rosenkohl und saftigen Tomaten, die eine eigens dafür gegründete Arbeitsgruppe den Sommer über eingekocht hat.

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Stichwort: Solidarische Landwirtschaft

Das Konzept eines kollektiven Betriebs landwirtschaftlicher Höfe entwickelte sich seit Mitte der 1970er-Jahre in Japan und den USA. Von Anfang an versuchten die Initiatoren dabei ökologische und soziale Vorstellungen umzusetzen – ein Anspruch, der mit Aufkommen der Kritik an der internationalisierten Nahrungsmittelindustrie auf breitere Zustimmung stieß.

So verbreitete sich das Konzept – oft in Zusammenhang mit der globalisierungskritischen Attac-Bewegung – Anfang des neuen Jahrhunderts in Frankreich und fand rasch Anhänger in weiteren europäischen Ländern. Inzwischen gibt es allein in Deutschland 19 derartige Höfe, die sich in einem Netzwerk »Solidarische Landwirtschaft« zusammengeschlossen haben. Die Freiburger GartenCoop e. V. entstand nach dem Vorbild der 1978 gegründeten Genfer Kooperative »Les jardins de Cocagne«, in der fast 1000 Mitglieder organisiert sind. mka

Quelle: http://www.insideb.de/index.php?dialogMode=print&scriptlet=CMS/News&id=1...

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