Klimakrise, Kriege, Inflation. Während viele beim Discounter landen, wächst zugleich das Bedürfnis nach krisenfesten Alternativen. Die Gartencoop Freiburg zeigt seit 15 Jahren, dass solidarische Landwirtschaft funktioniert. Jetzt steht der nächste Schritt an: eigener Boden, eigener Hof, mehr Resilienz. Ein Projekt zwischen Utopie und Notwendigkeit. Und eine Einladung, Teil davon zu werden.
Von Luciano Ibarra. Erschienen in CONTRASTE Nr 501 - Zeitung für Selbstorganisation
Zwischen Discounter und Höfesterben
Kleinbäuerliche Strukturen stehen seit Jahren unter massivem Druck. Höfe, Bioläden und Direktvermarkter verschwinden, während über 90 % der Lebensmittel über Supermärkte und Discounter laufen. Spätestens seit 2022 haben Krieg, Inflation und steigende Lebenshaltungskosten diese Entwicklung verschärft. Viele sparen verständlicherweise beim Essen, mit langfristigen Folgen für regionale Strukturen.
Aus wirtschaftlicher Sicht dürfte es Projekte wie die Gartencoop kaum geben: zu aufwendig, zu wenig bequem, vermeintlich ineffizient. Und doch besteht sie seit über 15 Jahren. Weil für viele mehr zählt als der Preis: gemeinschaftliches Wirtschaften, Bodenfruchtbarkeit, samenfeste Sorten, kurze Wege und kollektives Eigentum.
Gleichzeitig wird deutlich: Die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sind enorm. Klimakrise, Extremwetter, geopolitische Konflikte und fossile Abhängigkeiten bedrohen die Ernährungssicherheit in bisher ungekanntem Ausmaß.
Resilienz aufbauen – konkret werden
Die Gartencoop hat sich diesen Fragen gestellt und eine klare Antwort gefunden: mehr Resilienz - ökologisch, sozial und ökonomisch. Idealerweise auf eigenem Boden.
Regionale Versorgungsstrukturen in Stadtnähe werden künftig eine Schlüsselrolle spielen. Diese Versorgung von morgen muss heute erprobt werden: solidarisch, krisenfest und post-fossil.
Der nächste Schritt: eigener Hof
Nach 15 Jahren Solawi eröffnet sich die Chance, 8,7 ha Anbauflächen eines aufhörenden Demeter-Betriebs zu übernehmen. In attraktiver Lage, stadtnah, mit fruchtbaren Böden und Entwicklungspotenzial.
Für die Kooperative ist der Landkauf Herausforderung und Chance zugleich: Boden dauerhaft sichern und einen Ort schaffen, an dem Ernährungswende praktisch wird. Dass die abgebende Familie sich bewusst aus Überzeugung für die Gartencoop entschieden hat, gibt zusätzlichen Rückenwind.
Die Mitgliederversammlung hat im Herbst 2025 dem Kauf unter drei Bedingungen zugestimmt: Finanzierung, Rechtsform und Baugenehmigung. Seitdem arbeitet eine engagierte Gruppe an der Umsetzung und ist nah am Zwischenziel.
Gemeinschaft, die trägt
Der Kreis der Aktiven hat sich über die Jahre verändert, doch es gelingt immer wieder, das Projekt neu zu tragen und weiterzuentwickeln. Die Gartencoop verbindet Professionalisierung mit Engagement. Sie ist bewegter als eine Organisation, aber organisierter als eine Bewegung.
Land als Gemeingut sichern
Bisher wurden Flächen und Hof gepachtet, Infrastruktur über viele kleine zinslose Darlehen finanziert. Nun soll auch das Land selbst dem Markt entzogen werden.
Gemeinsam mit dem Ackersyndikat will die Gartencoop ein Modell umsetzen, bei dem Grundbesitz unverkäufliches Gemeingut wird: Ein Verein hält das Eigentum, das Ackersyndikat sichert mit Vetorecht die Unverkäuflichkeit von Hof und Land.
Damit wird Pionierarbeit geleistet, es wäre der erste Landkauf nach diesem Modell in der Region. Die Reaktion der Behörden auf den Antrag bleibt spannend.
Finanziert wird der Kauf und Bau über Direktkredite (Nachrangdarlehen). Viele Kreditgeber*innen kommen aus dem Umfeld der Solawi, doch für die benötigten rund 2 Mio. Euro braucht es weitere Unterstützung. Aktuell sind etwa 56 % der Summe erreicht.
Mehr als ein Hof
Gerade in Krisenzeiten wächst das Bewusstsein: Es braucht Investitionen in solidarische Strukturen. Einzelne Projekte stoßen an Grenzen, Kooperationen werden wichtiger.
Darum unterstützt die Gartencoop auch überregionale Ansätze wie das Netzwerk Kooperative Ernährungswirtschaft (KEWI, contraste 499). Der Ansatz der Gartencoop wirkt wie eine Keimzelle mit der Hoffnung, dass daraus ein widerstandsfähiges Ernährungssystem in der Region wächst.
Noch ist nicht alles entschieden, aber der Weg ist klar und die Zuversicht wächst mit jedem Schritt. Die Chance, dieses Land zu sichern und einen neuen Hof entstehen zu lassen, war selten so greifbar wie jetzt.
Das Motto der Gartencoop „Ernährungswende ist Handarbeit“ ist mehr als ein Satz – es ist eine Einladung. Eine Einladung an alle, die Zukunft nicht nur denken, sondern mitgestalten wollen. Damit dieses Projekt Wirklichkeit wird, braucht es Menschen, die es tragen: mit Engagement, mit Direktkrediten, mit Spenden. Jetzt ist der Moment, Teil davon zu werden.
Kasten
Gartencoop: solidarische Landwirtschaft (Solawi) nahe Freiburg
In unserer Gärtnerei wächst mehr als Bio-Gemüse und Kichererbsen. Über 850 Menschen teilen seit mehr als 15 Jahren Verantwortung: für Äcker, Ernte und füreinander. Gemeinsam werden Kosten und Risiken getragen, gemeinsam wird geerntet und verteilt. Saisonales Gemüse aus samenfesten Sorten, kurze Wege und kollektives Eigentum in Selbstverwaltung prägen das Projekt.
Mehr: www.gartencoop.org
Erschienen in CONTRASTE Nr 501 - Zeitung für Selbstorganisation

